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Neue Musik, die sich selber zerstört

Von David Loher. Aktualisiert am 02.02.2012

Das Trio Steamboat Switzerland spielt Klänge an der Schnittstelle zwischen Neuer Musik, komplizierter Avantgarde und knüppelhartem Rock. Heute bringt das Ensemble in der Reitschule das Werk «egregoros» des Berner Komponisten Marc Kilchenmann zur Uraufführung.

Verschobene Stmmen und kunstvolle Störgeräusche: Steamboat Switzerland mit Bläserensemble bei den Proben  im Dachstock der Berner Berner Reitschule.

Verschobene Stmmen und kunstvolle Störgeräusche: Steamboat Switzerland mit Bläserensemble bei den Proben im Dachstock der Berner Berner Reitschule.
Bild: Urs Baumann

Noch funktioniert nicht alles wunschgemäss beim Probenbesuch im Dachstock der Berner Reitschule: Gerade eben ist das Netzwerk zusammengebrochen, über das die drei Musiker von Steamboat Switzerland von einem zentral gesteuerten Computer die exakten Tempoangaben per Kopfhörer erhalten. Rasch verlegt ein Techniker ein neues Kabel. Bis zur Uraufführung von «egregoros» muss die Technik einwandfrei funktionieren, damit nur noch die Musik ihr Eigenleben entwickelt. Gerade so, wie es sich der Berner Komponist Marc Kilchenmann vorstellt: «Mit diesem Werk wollte ich gewissermassen eine Maschine komponieren, die nicht mehr zu beherrschen ist», erklärt er in einer Probenpause.

Im Stück, das Teil eines grösseren Zyklus über die Vorsokratiker ist, setzt sich der Komponist mit dem griechischen Philosophen Heraklit auseinander. Von ihm stammt der berühmte Ausspruch «panta rhei» – alles fliesst. «Bei Heraklit geht es darum, dass alles in ständiger Veränderung ist – und gerade dadurch gleich bleibt», führt Kilchenmann aus. «Mit dieser Dialektik setzt sich meine Musik auseinander.»

Musikalisches Inferno

Wie man sich das vorstellen muss, erklärt Kilchenmann in komplizierten und wortreichen Ausführungen. Kurz zusammengefasst funktioniert das Werk so: Über die streng ausnotierten Stimmen für die drei Instrumente Hammondorgel, Bass und Schlagzeug wird eine je individuelle, wellenförmige Tempospur gelegt. Das führt dazu, dass jeder Musiker mal schneller, mal langsamer wird. Die Stimmen verschieben sich so ständig gegeneinander. Doch das ist noch nicht alles: Es kommen acht Bläser hinzu, die durch ihre rhythmischen und repetitiven Einwürfe eine Art musikalisches Störgeräusch erzeugen. Zuerst ganz leise, steigern sich die Bläserstimmen bis zum Schluss zum musikalischen Inferno und zerstören die Musik des Trios: Kilchenmann hat sozusagen einen Selbstzerstörungsmechanismus in seine Komposition eingebaut.

Kern des Ensembles ist das Trio Steamboat Switzerland mit dem Organisten und Pianisten Dominik Blum, dem Bassisten Marino Pliakas und dem Schlagzeuger Lucas Niggli. Mit seiner eigenwilligen Vermischung von Neuer Musik und der musikalischen Ästhetik einer Rockband stösst das Trio regelmässig in ganz neue Hörräume vor. In der freien Improvisation ist Steamboat Switzerland ebenso zu Hause wie in der komponierten Musik.

Aussenseiter und Pioniere

Umrahmt wird die Uraufführung von Kilchenmanns Werk «egregoros» durch Werke von zwei Komponisten, die zu ihrer Lebzeit als eigenwillige und grenzüberschreitende Pioniere ihre Zeitgenossen vor den Kopf stiessen und so ausgezeichnet zu Steamboat Switzerland passen: Einerseits ist das Perotinus Magnus. Der Komponist, über den so gut wie nichts bekannt ist, hat vor fast tausend Jahren an der Kathedrale Notre-Dame in Paris mit neuartigen, drei- und vierstimmigen Stücken mit der damals vorherrschenden Klangästhetik des gregorianischen Chorals gebrochen. Für Steamboat Switzerland hat Marc Kilchenmann ein Stück des französischen Komponisten neu arrangiert.

Und auch Hermann Meier war stets ein Aussenseiter. Vom Schweizer Avantgarde-Komponisten kamen zu seinen Lebzeiten nur ganz wenige Werke zur Aufführung. So kommt es, dass mit Hermann Meiers «Plan, Ende November» eine zweite Uraufführung auf dem Programm steht, auch wenn die Komposition aus dem Jahr 1976 stammt.

Steamboat Switzerland Extended: «Sederunt Principes» für Orgeltrio und acht Bläser, mit Kompositionen von Perotinus Magnus, Hermann Meier und Marc Kilchenmann. Dachstock, 21.30 Uhr. Türöffnung: 20 Uhr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2012, 13:46 Uhr

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