Warum der Samba so traurig ist

Statt powackelnder Prachthühner auf glitzernden Wagen zeigt Georges Gachot in «O Samba» die inneren Werte der brasilianischen Volksmusik.

Nicht immer glamourös: Samba in der Favela.

Nicht immer glamourös: Samba in der Favela. Bild: zvg

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Ausgerechnet ein Schweizer ergründet die Seele des Samba. Kann das gut gehen? Immerhin assoziiert die Welt mit diesem Tanz das Zurschaustellen entfesselter Lebenslust, tiefschwarzen Rhythmus und Verausgabung bis zur Ekstase – nicht gerade helvetische Spezialitäten. Doch Filmemacher Georges Gachot und Kameramann Pio Coradi legten ihr Augenmerk auch nicht auf den Karneval von Rio, der jährlich Tausende von Touristen anzieht. In ihrem Dokufilm «O Samba» wird gezeigt, wie vornehmlich schwarze Menschen in vornehmlich armen Vierteln das ganze Jahr auf den Karneval hinarbeiten – wie sie den Samba leben.

Samba als Gefahr

Ja, der Samba ist in den Favelas gross geworden. Wer ihn zelebrierte, war bis weit ins 20.Jahrhundert hinein ein potenzieller Aufrührer, eine Gefahr für «Ordem e Progresso», «Ordnung und Fortschritt», wie Brasilien sich das auf die Flagge geschrieben hat. Der Samba wurde seinen Pionieren mit Folter heimgezahlt. Heute ist er das kulturelle Wahrzeichen der Nation.

100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei in Brasilien stellte Martinho da Vila, Sambakomponist und Sänger, Kommunist und Blackpower-Aktivist, für die Sambaschule seines Viertels ein Programm mit dem Titel «Kizomba, a Festa da Raça» («Kizomba, das Fest der Rasse») zusammen. Und in jenem Jahr, 1988, gewann die Favela Vila Isabel auch den Karnevalswettbewerb im Sambodrom – eine Ehre, deren Bedeutung Aussenstehende kaum ermessen können. In «O Samba» lässt da Vila sie zumindest erahnen.

Jenseits der Klischees

Das Filmteam begleitete den 78-Jährigen durch das triste Vila Isabel und in die gleichnamige Schule, wo Kinder und Erwachsene täglich hinkommen, um zu trainieren, wo Trommler und Perkussionistinnen sich zur Probe treffen, während junge Handwerker in zerlöcherten T-Shirts an riesenhaften Figuren für die Wagen sägen, bohren, pinseln. Das hat nur wenig mit den glitzernden Sambaklischees zu tun. Da Vila erzählt, erklärt und – singt. Und so melancholisch seine Lieder sind, jedes Mal will er sich nach ein paar Takten ausschütten vor Lachen. «Der Samba erzählt von traurigen Dingen», sagt er, «aber auch mit einem traurigen Lied kann man den Leuten Vergnügen bereiten. Sie sollen lachen und weinen!» (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.04.2014, 09:36 Uhr

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