Mut zum Schmunzeln bewiesen
Er ist klein, vorlaut und gehört in Frankreich zum sanft-anarchischen Allgemeingut: «Le Petit Nicolas», im deutschen Sprachraum als «Kleiner Nick» in gut sortierten Kinderstuben anzutreffen, wagt nach fünfzig Jahren des Unfugs zwischen Buchdeckeln jetzt den Sprung auf die Kinoleinwand. Und siehe da, der Film ist, wie Nicolas sagen würde, ziemlich «prima».
Aber Achtung: Wer die reizenden Lausbubereien, die Schulturbulenzen und fast versehentlichen Verkloppungen aus den Büchern des späteren Asterix-Texters René Goscinny kennt und die Strichzeichnungen von Jean-Jacques Sempé liebt, schleppt viel Erwartungsballast ins Kino. Kommt hinzu, dass der kleine Frechdachs während eines überlangen Filmvorspanns im Nostalgiebad fast ersäuft wird.
Das Problem mit der Wiedererkennbarkeit lösen Regisseur Laurent Tirard und Co-Autor Grégoire Vigneron allerdings elegant: Sie impfen ihrer Hauptfigur eine Urangst ein, die als Erzählmotor funktioniert, und gruppieren Buchepisoden in lockerer Folge drum herum. So erfährt Nicolas (Maxime Godart) von einem Kameraden, dass, wenn die Eltern mal nicht zanken, sondern fröhlich tun, bald ein kleiner Bruder im Anmarsch ist. Schlimmer noch: Es droht Gefahr, im Wald ausgesetzt zu werden. Nicolas erkennt: Er muss seine Rasselbande zusammentrommeln, um Geld für einen professionellen Kidnapper aufzutreiben; etwa indem man Miraculix’schen Zaubertrank an andere Dreikäsehochs verkauft. Währenddessen verfällt Nicolas’ Papa (Kad Merad) auf die Idee, seinen Chef samt Gattin einzuladen, um eine längst fällige Lohnerhöhung zu beschleunigen. Auch das zieht allerlei kuriose Konsequenzen nach sich.
Grell und bedächtig
Das Erstaunlichste an «Le Petit Nicolas»: So grell die auf Technicolor getrimmten Farben und die bonbonfarbene Ausstattung leuchten, so brav springen die uniformierten Knirpse miteinander um. Man möchte es Mut zum bedächtigen Schmunzeln nennen, den Regisseur Tirard beweist, indem er kaum Modernisierungen vornimmt. Nur manchmal gehen ihm die Pferde durch, wenn Kad Merad («Bienvenue chez les Ch’tis») und Valerié Lemercier so heftig grimassieren, dass es selbst dem Nachbarn durch die geschlossenen Fenster auffällt. Besser hat Sandrine Kiberlain den Tonfall getroffen: Als Lehrerin des ungebändigten Haufens verkörpert sie Eifer und Stolz, Verzweiflung und Wärme zugleich.
Spielerisch ungelenk
Und die Jungmannschaft? Da ist natürlich der ständig Sandwichs futternde Alceste (Vincent Claude), der mimöschenhafte Streber Agnan (Damien Ferdel) und der rundum begriffsstutzige Clotaire (Vicotr Carles). Sie alle sind hervorragend besetzt und in ihrer verspielten Ungelenkheit herrlich anzuschauen. Einzig Maxime Godart als Nicolas wirkt zu harmlos, zu wenig durchtrieben. Das mindert ein wenig die Freude an diesem «Petit Nicolas». Aber sonst ist es ein prima Film. (Berner Zeitung)
Erstellt: 31.08.2010, 15:09 Uhr
