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Pattinson traut sich was

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 25.03.2010

«Twilight»-Star Robert Pattinson kann auch anders: In «Remember Me», einem Drama über die Leere nach dem Tod, spielt er einen traurigen Rebellen.

Sorglos: Tyler (Robert Pattinson) und Ally (Emilie de Ravin) wissen noch nichts von ihren Wunden.

zvg

Schluss mit vampirischer Enthaltsamkeit, jetzt langt Robert Pattinson tüchtig zu: Und ja, man muss in «Remember Me» zweimal hinschauen, um zu glauben, was das propere «Twilight»-Teenidol tut: Pattinson trinkt, raucht, prügelt sich mit Fremden, vernascht Frauen, brüllt seinen Vater an und nervt seinen besten Freund. Hoppla, ist aus dem coolen Melancholiker über Nacht ein Draufgänger geworden? Die passende James-Dean-Frisur hätte er ja.

Film im Tarnmantel

Doch Spass beiseite, in «Remember Me» lässt der erstmals auch als Ausführender Produzent wirkende Pattinson durchblicken, was ausser Postertauglichkeit in ihm steckt. Und der Film ist insofern eine Überraschung, als er den Tarnmantel einer Teenieromanze benutzt, um letztlich eine ganz andere Richtung einzuschlagen.

Spielball niederer Motive

Doch der Reihe nach: Der Film beginnt an einer New Yorker U-Bahn-Station nahe des World Trade Centers, wo die kleine Ally mitansehen muss, wie ihre Mutter bei einem Raubüberfall erschossen wird. Zehn Jahre später, im Sommer des Jahres 2001, wird die inzwischen volljährige Ally (Emilie de Ravin) erneut zum Spielball niederer Motive: Der Rumtreiber Tyler Hawkins (Pattinson) will ihr das Herz brechen:?Der Grund:?Nach einer Strassenschlägerei hat Tyler von Allys Vater, einem Polizisten, eine Faust ins Gesicht gekriegt und wurde auf den Posten geschleift. Doch plötzlich erwacht die Liebe. Und mit Tyler und Ally finden sich zwei Turteltauben, die von ihren gegenseitigen Wunden nichts ahnen. Während sich die Halbwaisin Ally brüsk von ihrem Vater löst, ist Tyler, dessen Bruder vor sechs Jahren Selbstmord beging, zwischen Fürsorge für seine kleine Schwester Caroline (Ruby Jerins) und Abneigung gegen den scheinbar gleichgültigen Vater (Pierce Brosnan) hin- und hergerissen. Das Raffinierte daran: Drehbuch-Debütant Will Fetter und Regisseur Allen Coulter («Sex and the City», «The Sopranos») verstecken die bleierne Trauer ihrer Figuren so gut, dass man sie lediglich als linkisches Verhalten wahrnimmt. Etwa wenn Ally beim Essen zuerst das Dessert bestellt. Oder wenn Caroline in der Schule lieber malt als lernt.

Umso heftiger brechen die nachfolgenden Geschehnisse über den Zuschauer herein. Es beginnt, als Caroline an einer Geburtstagsparty misshandelt wird. Und spätestens da begreift man: «Remember Me» ist weder Familienfilm noch Schmachtfetzen, sondern ein Gleichnis über Verlust und Verzweiflung. Kommt hinzu, dass der Film diese Leerstellen nicht mit Bildern füllt, sondern das Drama im Kopf des Zuschauers ablaufen lässt. Das ist grosses Kino.

Im Kreuzfeuer der Kritik

Umso erstaunlicher, dass «Remember Me» in den USA so heftig in die Kritik geriet. Die Bezüge zu 9/11, die eine zentrale Rolle spielen, seien Betrug am Zuschauer, hiess es. Doch von Aufgesetztheit oder Schummelei kann keine Rede sein. «Remember Me» macht sich lediglich sein Medium zunutze, um den Zuschauer mit derselben Wucht aus der vertrauten Welt zu reissen wie seine Figuren. So kommts, dass Robert Pattinson gegen Ende am Fenster eines Wolkenkratzer steht. Im Film blüht ihm Unheil. Doch in Realität ist der 23-Jährige das Beste, was dem unabhängigen US-Kino seit George Clooney passieren konnte. Pattisons Name wird ein wichtiger Faktor sein, wenn es darum geht, welche Filme gedreht werden und welche nicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.03.2010, 09:21 Uhr