Der sympathische Provokateur
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Der rundliche Sergeant Gerry Boyle (Brendan Gleeson) ist ein ungehobelter Trampel. Er ist ein rücksichtsloser Egoist und Zyniker, der seinen Beruf als Kleinstadtpolizist an der irischen Westküste nur zu seinem Vorteil nutzt, während er gelassen seiner Pensionierung entgegensieht. Selbst die erstaunlich vielen Leichen um ihn herum nimmt er, wie sie fallen. Dies könnte man zumindest glauben, wenn man sein schroffes Auftreten für bare Münze nimmt.
Doch der Blick hinter die Kulissen ergibt ein anderes Bild. Sergeant Gerry Boyle ist ein gebildeter und herzlicher Mann mit starkem Gerechtigkeitssinn, wenn auch ausgestattet mit einer gewöhnungsbedürftigen Charaktereigenschaft: Er beleidigt, brüskiert und verunsichert sein Umfeld mit zutiefst respektlosen Äusserungen – und hat sein diebisches Vergnügen daran.
Handlung ist Vorwand
Dass es ihm in Wirklichkeit aber ernst ist, wird er schon bald beweisen müssen. Sein Hafenkaff wird zum Angelpunkt einer internationalen Kokainschmuggelaffäre, und aus diesem Grund wird dem irischen Polizisten ein afroamerikanischer FBI-Agent (Don Cheadle) zur Seite gestellt. Dieser teilt freilich weder Boyles Auffassung von Verbrechensaufklärung noch seinen morbiden Sinn für Humor – und so kündigt sich eine harzige, aber im Endeffekt herzliche Partnerschaft an.
Zwei gegensätzliche Gesetzeshüter, die zu einer gemeinsamen Mission verdonnert werden – das klingt nach einem klassischen «Good Cop, Bad Cop»-Motiv. Doch das ist – wie auch die eher dürftige Intrige des Films – ein blosser Vorwand, um der Hauptfigur Gerry Boyle genug Reibungsfläche zu bieten. Denn der Drehbuchautor und Regisseur John Michael McDonagh hat «The Guard» nicht gedreht, um von einer Drogenfahndung oder einer US-irischen Partnerschaft zu erzählen, sondern um seinen originellen Helden möglichst wirkungsvoll in Szene zu setzen: Die Show gehört allein Brendan Gleeson.
Brendan Gleeson Superstar
Gleeson stand im Verlauf seiner Karriere bereits für Martin Scorsese und Steven Spielberg vor der Kamera, ist den Kinogängern aber am ehesten als «Mad-Eye» Moody aus der Harry-Potter-Saga bekannt. Spätestens seit seiner Rolle als melancholischer Killer in der Komödie «In Bruges» an der Seite von Colin Farrell ist er nun auch Publikumsliebling. Und genau dieses Publikum, das aus «In Bruges» einen Kulthit machte, soll nun auch mit «The Guard» angesprochen werden. Wobei es zu erwähnen gilt, dass ersterer von einem gewissen Martin McDonagh geschrieben und inszeniert wurde – dem Bruder des hier amtierenden Regisseurs. Auch die beiden Filme wirken verwandt: Wer den einen mochte, wird zweifellos auch den anderen mögen.
Doch zurück zu Gleeson: Er kostet seine Figur in «The Guard» nach Herzenslust aus und verleiht ihr eine erstaunliche Tiefe. Die Rolle wurde ihm zwar nicht auf den Leib geschrieben, aber er füllt sie mit einer Wucht aus, als sei sie nie für jemand anderen bestimmt gewesen. Egal, ob Gerry Boyle beim Ermitteln alle Regeln bricht, in der Freizeit seiner sterbenden Mutter ausgerechnet Gogol («Die toten Seelen») als Lektüre empfiehlt oder sich in der Öffentlichkeit mit Prostituierten vergnügt: Dieser Charakter, gespielt von diesem Mann, gibt so viel Stoff und so viele Lacher her, dass man sich mit ihm eine ganze Sitcom vorstellen könnte. Gäbe es ein solches Projekt tatsächlich – die Fernsehserie «Father Ted» müsste ernsthaft um ihren Ruf bangen, die lustigste irische TV-Produktion aller Zeiten zu sein. (Berner Zeitung)
Erstellt: 21.09.2011, 12:55 Uhr
