Bogenschütze tankt Moral
Robin Hood? Den gibt es nicht. Jedenfalls heisst der Rächer der Unterdrückten in der Verfilmung von Ridley Scott («Gladiator», «Body of Lies») Robin Longstride. Oder Robin from the Hood. Der noch in Entwicklung begriffene Name ist kein Zufall: Der Held aus dem 13. Jahrhundert hat in der jüngsten Leinwandadaption zahlreiche Persönlichkeitsveränderungen vor sich.
Erstmals begegnen wir dem pfeil- und bogenbewehrten Rebellen, nein, nicht im Sherwood Forest, sondern vor einer französischen Burg. Da kämpft er als Söldner unter König Richard Löwenherz, der nach kostspieligen Kreuzzügen seine Kriegskasse wieder füllen muss. Es kommt zu einem ersten Charaktertest: Robin, wegen einer Rauferei mit dem späteren Gefährten Little John (Kevin Durand) zur Rede gestellt, sagt dem König ins Gesicht, was er von dessen Massakern an Muslimen im Gelobten Land hält – und kriegt prompt eine hölzerne Halsfessel verpasst. Doch Robin hat Glück: Als Richard fällt, entkommt er nicht nur in die Wälder, sondern kann sich mit der dort abgefangenen Krone unter falschem Namen auch eine Gratis-Überfahrt nach England sichern.
Solche Schummeleien in Ehren, aber wo bleibt da der redliche Held? Wo der böse Sheriff von Nottingham? Es ist augenfällig: Regisseur Ridley Scott und Hauptdrehbuchautor Brian Helgeland («L.A. Confidential») hatten wenig Lust, den über dreissig Film- und Fernsehfassungen über Robin Hood eine weitere Rächerstory anzuhängen. Stattdessen berichten sie in fast schon subversiver Art von einer politisch-moralischen Heldenwerdung.
Robin, bereits sehr pflichtbewusst, überbringt das Schwert eines gefallenen Kriegers an dessen Familie und lernt dabei die Vorzüge ländlicher Sesshaftigkeit kennen. Die resolute Maid Marion (Cate Blanchett) nimmt ihn anstelle ihres toten Gatten auf. Und Robin erfährt vom ebenso aufrichtigen «Schwiegervater» (Max von Sydow) die Geschichte seines eigenen Vaters, der die «Magna Carta» entwarf – jenen Freibrief, der 1215 den englischen Rechtsstaat begründete.
Film mit Schönheitsfehler
So weit so ehrenhaft. Doch die Robin-Hood-Vorgeschichte hat einen Schönheitsfehler: Der schon zum fünften Mal in einem Ridley-Scott-Film spielende Russell Crowe ist als Heisssporn schlicht zu alt. Den Suchenden in eigener Sache nimmt man dem 45-Jährigen nicht mehr ab. Bessere Figur macht Crowe als Anführer eines (vermeintlich) geeinten Britanniens, das eine französische Invasion an der südenglischen Küste niederschlägt. Das ist grosses Kino mit spektakulär niederprasselnden Pfeilregen und «Gladiator»-ähnlichen Nahkämpfen – auch wenn der Soundtrack aufdringlich aus den Boxen schallt.
Ein neuer Bösewicht
Auch der neue Bösewicht Sir Godfrey (Mark Strong) macht als Schatzmeister unter dem geldgierigen Löwenherz-Nachfolger John (Oscar Isaac) eine gute Figur. Der politische Machtpoker, der entbrennt, als Godfrey den Franzosen in die Hände spielt, ist das perfekte Gegenstück zur moralischen Aufrüstung des Hauptfigur. Den Sheriff von Nottingham vermisst da niemand.
Apropos Frankreich: Sprüche wie «Runter, ihr französischen Hunde!» werden zur Premiere am Filmfestival in Cannes kaum für Begeisterung sorgen. Doch es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Regisseur Ridley Scott – spätestens seit der weinseligen Liebeserklärung «A Good Year» (2006) – ein Provence-Liebhaber ist. Diesmal geht er noch einen Schritt weiter, indem er den französischen König am Strand Austern schlürfen und von einer Landnahme Englands träumen lässt. Szenenapplaus ist dem Eröffnungsfilm von Cannes damit gewiss.
Erstellt: 11.05.2010, 13:31 Uhr
