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Angriff auf Finanzsystem

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 17.11.2009

«Von Aktien halte ich nichts»: US-Dokufilmer Michael Moore greift in seinem Film «Capitalism: A Love Story» das Finanzsystem an. Im Gespräch verrät er, wo er selbst sein Geld anlegt und was er sich von Obama erhofft.

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Streitbarer Filmemacher

Michael Moore, geboren 1954 in Flint (US-Staat Michigan), ist einer der streitbarsten Filmemacher der Gegenwart. Erstmals Aufsehen erregte er mit dem Dokumentarfilm «Roger& Me» (1989), in dem er General-Motors-CEO Roger Smith vergeblich zu einer Stellungnahme zum Personalabbau zu bewegen versuchte. Bei «Bowling for Columbine» (2002) nahm er das Highschoolmassaker in Littleton zum Anlass, die US-Waffenkultur zu hinterfragen. Der Film gewann den Oscar für den besten Dokumentarfilm, und Moore nutzte die Gelegenheit, US-Präsident George W.Bush öffentlich anzugreifen. «Fahrenheit 9/11» (2004), bis heute der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten und Gewinner der Goldenen Palme in Cannes, beleuchtet die Entwicklungen nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center. In «Sicko» (2007) zog Moore über das amerikanische Gesundheitssystem her.

Michael Moore, in «Capitalism: A Love Story» brandmarken Sie den Kapitalismus als undemokratisches Übel. Wie legen Sie Ihr eigenes Geld an?
Michael Moore: Ich habe ein Sparkonto bei der Bank. Manchmal kaufe ich mir auch Staatsanleihen. Von Aktien halte ich nichts. Ich verstehe dieses System nicht und glaube nicht an das Konzept, dass man mit Geld Geld verdienen kann. Dazu sind Arbeit und Ideen da.

Ihren letzten Film hatten Sie im Internet gratis als Download zur Verfügung gestellt. Weshalb nicht auch den neuen?
Weil er vom Hollywood-Riesen Paramount finanziert ist. Die sind nicht im Gratisbusiness tätig (lacht). Ich kämpfe aber dafür, dass Arbeitslose den Film gratis sehen können.

Gab es von Paramount spezielle Auflagen für diesen Film?
Nein, ich bin frei in meinen Entscheidungen, jedenfalls, solange ich erfolgreich bin. Das Einzige, was seit «Roger&Me» schwieriger wurde, ist, Leute vor die Kamera zu kriegen. Alle haben Schiss, in einem meiner Filme aufzutauchen.

Mit den Dreharbeiten begannen Sie noch vor der Finanzkrise. Hatten Sie keine Bedenken, dass der Film beim Kinostart der Realität hinterherhinken könnte?
O Boy, glauben Sie, dass das Schlimmste überstanden ist? Wir sind gerade in der Mitte eines Tornados. Seit zehn Jahren steigt in den USA die Zahl von Arbeitslosen und Zwangsräumungen. Ganz zu schweigen von der Kreditkartenblase, die bald platzen wird.

Wozu hilft da ein Film?
Ich hoffe, dass sich die Leute Gedanken machen. So lässt sich vielleicht das Schlimmste abwenden. «Sicko», mein Film über das amerikanische Gesundheitswesen, kam vor drei Jahren in die Kinos. Jetzt wird in den USA endlich über dieses Thema diskutiert.

Wenn Sie Arzt wären, müsste Ihre Diagnose zur USA lauten: schwer krank. Was sind die Ursachen?
Wir haben, sorry, sehr viele Dummköpfe und Ignoranten in unserem Land. Wo sonst gibt es Menschen, die allen Ernstes gegen die Einführung eines nationalen Gesundheitssystems protestieren? Das wäre nicht so, wenn wir ein gutes Erziehungssystem hätten, wenn die Leute mehr lesen und reisen würden. Stellen Sie sich vor: 80 Prozent aller Amerikaner haben keinen Pass und keine Ahnung, was ausserhalb der USA vorgeht.

Ihre Weltsicht ist pessimistisch, doch im Kino amüsiert man sich bestens. Woher rührt Ihr Sinn für Humor?
Meine Vorfahren stammen aus Irland. Dort hat man genau zwei Möglichkeiten: trinken oder lachen. Ich war immer der Ansicht, dass Humor eine starke politische Waffe ist. Doch die Linke nutzt das kaum noch, weil sie glaubt, dass damit die Ernsthaftigkeit von Themen beschnitten würde. Dabei kam früher jede grosse Satire von den Linken – ein ausgezeichnetes Mittel, um Leute für die Politik zu interessieren.

George W. Bush war in Ihren Filmen stets das Angriffsziel Nummer eins. Jetzt ist er abgetreten. Was bedeutet das für Sie?
Ich blühe wieder auf. Als Franklin Roosevelt 1933 Präsident wurde, boomten Filme von Regisseuren wie Preston Sturges, Frank Capra oder John Ford. Diese Werke hatten Erfolg, weil ein kulturelles Klima herrschte, das sich für den kleinen Mann interessierte. Ich hoffe, dass sich dies unter Barack Obama wiederholt.

Wie erlebten Sie Obamas Wahl zum US-Präsidenten?
Als ich an jenem Morgen den Vorhang in der Wahlkabine hinter mir zuzog und den Namen Obama auf dem Wahlschein erblickte, musste ich weinen. Meine Tränen verschmierten sogar das Wahlblatt, das ich sofort wieder trocken tupfen musste. Als ich aus der Kabine kam, sagte meine Frau nur: «Jetzt reiss dich doch mal zusammen!»

Wie schätzen Sie Obamas Tätigkeit ein?
Nun, er hat eine Katastrophe geerbt, das kann man nicht in ein paar Monaten reparieren. Ich denke, er tut, was er tun kann. Aber er braucht Unterstützung, denn seine Angreifer sind längst in Stellung.

Hat Obama «Capitalism: A Love Story» schon gesehen?
Ich weiss es nicht, aber er sollte es tun. Der Film wird ihm helfen, sich daran zu erinnern, weshalb er gewählt wurde. Und er sollte wissen, dass ich weiss, dass die Investmentbank Goldman Sachs sein Spendengeber Nummer eins im Wahlkampf war. Die Frage ist jetzt: Wem wird sich Obama erkenntlich zeigen – der Wall Street oder dem amerikanischen Volk?

Was glauben Sie?
Letzteres.

Hat er denn die Kraft dazu?
Er ist der Präsident. Ich habe viele Präsidenten gesehen, die Gewaltiges vollbracht haben – leider meistens im negativen Sinn.

Zu Beginn Ihres Films vergleichen Sie die USA mit dem alten Rom. Glauben Sie, dass die USA untergeht wie das Römische Reich?
Gut möglich. Wenn zum Beispiel China alles Geld einfordern würde, das die Vereinigten Staaten ihm schuldet, wären wir erledigt.

Ihre Karriere begann vor zwanzig Jahren mit «Roger&Me», einem Dokumentarfilm über den Niedergang von General Motors. Können Sie sich an einen speziellen Moment von damals erinnern?
Ja, ich erinnere mich an einen Disput mit dem Jerusalem Film Festival. Sie wollten meinen Film nur hebräisch und französisch untertiteln. Darauf sagte ich: Ohne arabische Untertitel komme ich nicht. Und dabei blieb es. Zwei Jahre später traf ich die Direktorin des Festivals wieder, und sie dankte mir für meine damalige Absage. Dank mir würden sie inzwischen alle Filme auf Hebräisch und Arabisch untertiteln. Das ist es, warum ich Filme mache: Ich glaube an Demokratie, Qualität und Gerechtigkeit. Aber ich möchte das, was ich tue, nicht ewig tun müssen. Ich will nicht der Einzige sein da draussen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.11.2009, 13:33 Uhr